8. Juli – 23. September 2026
Weißes Gold – Meisterstücke & Materialdesign
Das Institut für Materialdesign der Hochschule für Gestaltung Offenbach zu Gast im Dommuseum

In der historischen Kapitelstube des Dommuseums begegnen sich eine nur 15 cm kleine Porzellanfigur mit Apfel und Äffchen und eine elf Meter lange, raumumspannenden Installation aus feinstem Biskuitporzellan – und all dies unter den wohlwollenden Augen des Mainzer Kurfürsten Johann Friedrich Karl von Ostein (amt. 1743–1763).
Dieses ungewohnte Zusammentreffen erinnert an die kurfürstlich privilegierte Gründung der Höchster Porzellanmanufaktur im Jahr 1746. Erst kurz zuvor war es in Europa gelungen, das Arkanum zu ergründen, also an das geheime Rezept und das Erfahrungswissen für die Herstellung des begehrten „Weißen Goldes“ zu gelangen.
In Höchst entstanden unter dem Zeichen des Mainzer Rades nun Meisterstücke aus Porzellan – in ihrer Anmutung fein und elegant, in ihrer Botschaft humorvoll und hintersinnig. Der Mops und weitere Leihgaben des Landesmuseums Mainz erzählen aus jener Zeit, in der die Aufklärung für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel sorgte.
Die zeitgenössische Installation SILIKAT 1746 ist eine der jüngsten Arbeiten aus dem Institut für Materialdesign (IMD) der Hochschule für Gestaltung Offenbach, die in Zusammenarbeit mit der Porzellanmanufaktur am traditionsreichen Ort in Höchst entstanden ist.
Unter dem Titel „Weißes Gold – Meisterstücke und Materialdesign“ begegnen sich also nicht Fremde, sondern Verwandte aus unterschiedlichen Zeiten – in Format und Ausdrucksweise verschieden, im Material gleich und ähnlich zerbrechlich. Damals wie heute braucht es für die Herstellung von Porzellan Erfahrungswissen, das nur durch langes praktisches Arbeiten und Gestalten zu erwerben ist, und die informelle und unverzichtbare Grundlage für Erfindergeist und Innovation bildet.
Die Installation SILIKAT 1746 ist sichtbarer Ausdruck dieses Zusammenspiels, denn sie ist sowohl im traditionellen Formenbau als auch im 3D-Druck entstanden. Damals wie heute werden in Höchst Material und Technik neu ausgelotet. Vielleicht erinnert SILIKAT 1746 an ein Fossil oder einen DNA-Strang? Die Formen laden zum freien Assoziieren ein.
In der Kapitelstube mit den historischen Meisterstücken wirkt SILIKAT 1746 irritierend fremd und schmiegt sich trotz des starren Materials in den Raum ein. In der dichten Raumatmosphäre und inmitten des Porzellans wird so erfahrbar, wie sehr das Material unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflusst.
Mit welchem Material wir uns umgeben ist keine randständige Frage, sondern eine grundlegende. Es ist die Frage, die das Institut für Materialdesign in seinen Arbeiten leitet: Mit welchen Materialien wollen wir unsere Welt von morgen gestalten?
Erfahrungswissen und Erfindergeist haben uns weit gebracht: zu kompositen und zu digital „informierten“ Materialien und damit zu völlig neuen Gestaltungsmöglichkeiten für unsere Umwelt. Aber mit den Möglichkeiten wächst auch die Verantwortung.
Die kleine Porzellanfigur mit Apfel und Äffchen aus den Jahren 1750/56 wirkt wie eine weise Mahnerin. Sie gehört zu einer Folge von fünf Frauenfiguren, die unsere fünf Sinne repräsentieren. Sie steht für den Geschmack, auf Latein die sapientia, ein Wort das zugleich auch Weisheit bedeutet. Weisheit ist eben kein trockenes Wissen, sondern die Fähigkeit, die Welt gut zu schmecken.
Und so hat die zierliche Frauenfigur mit dem Äffchen eine hintergründige Botschaft: Der naschende Affe spielt auf den Sündenfall im Paradies an, auf das „Nach-Äffen“ des Menschen, auf die Versuchung sein zu wollen wie Gott. Mit den Augen der Aufklärer ist der souverän erhobene Apfel – vom Baum der Erkenntnis – als deutliche Aufforderung zu verstehen: Wage es, weise zu sein – sapere aude!
Ausstellungsraum: Historischen Kapitelstube des Dommuseums
Begleitkatalog zur Sonderausstellung: Dr. Anja Lempges, Dr. Gerhard Kölsch, Dr. Sonja Petersen, Prof. Dr. Markus Holzbach (Hg.) in Kooperation mit dem Institute for Materialdesign and Advanced Material Studies (IMD) an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) und der Katholischen Erwachsenenbildung Bistum Mainz (KEB): Weißes Gold – Meisterstücke & Materialdesign; Publikationen des Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseums Mainz, Bd. 19; Von zwei Seiten lesbares Wendebuch (Teil 1 Meisterstücke, Teil 2 Materialdesign), mit transparenten Seiten und partiell lackiertem Softcover; 148 Seiten; Preis im Museum 24,95 €.
Dauer: 8. Juli bis 23. September 2026


